Im CASA REHA „Am Wiesengrund“ geschehen kleine Wunder

09. Februar 2015 vom CASA REHA Seniorenpflegeheim Am Wiesengrund

 

Wiedersehen nach 71 Jahren

Wiedersehen nach 71 Jahren

Eine Geschichte die das Leben schreibt.

Wir hier im Haus „Am Wiesengrund“ in Berlin Spandau benötigen nicht die Fernsehsender RTL oder SAT1. Bei uns spielt sich das Leben so ab, wie es nicht besser im Fernsehen gezeigt werden könnte.

Ich danke Ihnen jetzt schon dafür, dass Sie sich die Zeit nehmen, die Geschichte zweier Frauen zu lesen, die nach über 71 Jahren ein Wunder erleben durften.

Als ich im Oktober 2014 in diesem wunderschönen Haus meine Arbeit aufnahm, dachte ich nicht, dass sich nicht nur mein Leben verändert, sondern auch das Leben meiner Mutti.

Nun möchte ich Ihnen gerne die Geschichte meiner Mutti und Ihrer besten Kinder- Freundin erzählen.

Meine Mutti wurde 1927 in Berlin-Neukölln  geboren. 1932 sind meine Großeltern nach Staaken/Spandau gezogen. Meine Mutti wohnte mit ihren Eltern in einer kleinen Straße, ihre Großeltern lebten gleich nebenan. Sie hatte keine Geschwister.

Was liegt da näher, als sich mit den Nachbarskindern anzufreunden, was meine Mutti auch tat. Ihre beste Freundin hieß Eva und wohnte mit ihren Eltern nur ein paar Häuser weiter.

So kam es, dass die beiden Mädchen jede freie Minute mit einander spielten, ihre Sorgen und Nöte austauschten und natürlich ihre kleinen Geheimnisse hatten. Unter anderem spielten sie Gummihopse, Ball und wenn mein Großvater nicht in der Nähe war,  wurde heimlich Fußball gespielt. Das bekam mein Großvater natürlich sehr häufig mit und dann musste meine Mutti sofort die Schuhe putzen.

Eva und ihr „Hildchen“, so wurde meine Mutti liebevoll von ihrer Freundin genannt, wuchsen in einer Zeit auf, wo jeder Pfennig dreimal umgedreht werden musste, bevor er ausgegeben werden konnte.

Nun im Jahre 1944, als der Krieg schon fast vorbei war, kam eine nicht so schöne Zeit auf meine Mutti zu. Daraufhin schicke mein Großvater seine einzige Tochter aus Berlin heraus, da er große Angst um sie hatte. Meine Mutti nahm nun ihren kleinen Koffer, änderte ihren Namen und flüchtete über Magdeburg in Richtung Ostsee.

Sie lebte dann in Lübeck, heiratete und schenkte vier Kindern das Leben.

„Evchen“, wie ihre beste Freundin liebevoll von meiner Mutti genannt wurde, war zum Zeitpunkt der Flucht meiner Mutti mit Ihrer Klasse in Schlesien und hat das Erlebte von Mutti nicht mitbekommen.

Als Evchen nach einigen Schwierigkeiten wieder nach Berlin zurückkehrte, war ihre beste Freundin nicht mehr zu Hause.

Nach dem  Ende des Krieges,  suchte und  fand mein Großvater seine Tochter wieder. Meine Mutti konnte nun auch wieder ihren richtigen Namen annehmen und sie waren wieder einen Familie.

In den nächsten Jahren bauten beide jungen Frauen ihr eigenes Leben.

Mutti kehrte 1959 zurück nach Berlin, hat noch mal 2 Kinder geboren und arbeitete bis 1961 in Spandau. Dann wurde die Mauer gebaut und Mutti lebt bis heute im sogenannten Ostteil von Staaken, wohingegen  Evchen im Westteil von Staaken/ Spandau wohnte.

Nun zurück zur Gegenwart.

Vor ca. 2 Wochen, während meines Frühdienstes, unterhielt ich mich im Beisein einiger Bewohner mit meiner neuen Kollegin über unsere jeweiligen Geburtsstädte  und das Zurückkehren in die Geburtsstadt Berlin

Eine Bewohnerin hörte besonders aufmerksam zu und fragte mich daraufhin, in welchem Stadtteil von Berlin ich denn geboren wurde.

Als ich ihr berichtete, dass ich aus Staaken/ Spandau stamme,  freute sie sich sehr, denn sie selbst wurde dort ebenso geboren.

Die Bewohnerin berichtete dann ausführlich, in  welchem Teil von Staaken sie aufwuchs. Alles was sie erzählte, war mir sehr vertraut und wir stellten fest, dass ich genau in derselben Gegend groß wurde wie sie einige Jahre vor mir.

Ich berichtete von der kleinen Straße in der das Haus meine Großeltern noch heute steht und Frau H. schlug nur noch ihre Hände vors Gesicht und konnte es kaum glauben. Sie konnte sich kaum noch beruhigen und erzählte mir in welcher Hausnummer auch sie in derselben kleinen Straße aufwuchs. Zu guter Letzt erwähnte ich den Geburtsnamen meiner Mutti.

Nun rief sie laut: “Mein Hildchen, nein das gibt es doch gar nicht“. Ich verstand es nicht gleich und aus Frau H. sprudelte es nur so raus.

Ich setzte ich mich zu ihr und ich bekam eine Gänsehaut nach der anderen. Frau H. erzählte kurz wer sie sei und kämpfte mit ihren Tränen. Meine Kollegin verließ den Tagesraum, weil ihr die Tränen in die Augen schossen.

 Mein Mund blieb offen stehen und ich konnte es nicht glauben. Nach über 71 Jahren sollten sich  im Haus „Am Wiesengrund“ zwei Frauen treffen, die einen Teil ihres Lebens miteinander geteilt haben und sich durch widrige Umstände verloren hatten.

 Sofort rief ich bei meiner Mutti an und erzählte ihr wer vor mir sitzt. Sie können sich jetzt bestimmt vorstellen was dann passierte.

Eine Woche später brachte ich Mutti zu ihrem Evchen  in unsere Cafeteria. Sie können sich nicht vorstellen, wie sich die beiden Frauen  nach über 71 Jahren in den Armen lagen.

Nun haben sich die besten Freundinnen von damals wieder und werden hoffentlich noch viele wunderbare Stunden miteinander verleben.

Alle Mitarbeiter des Hauses, die von dieser wunderbaren Geschichte gehört haben, können es nicht fassen und freuen sich mit den beiden Frauen.

So werden Geschichten erzählt, in dem ich es Ihnen heute erzählt habe und jetzt einige Menschen es weiter erzählen.

Ich danke Ihnen, dass Sie sich die Zeit genommen haben, um die Geschichte meiner Mutti und ihrer besten Freundin zu lesen und ich möchte mich bei meiner Einrichtungsleiterin, Frau Berents- Neumann bedanken, dass ich Ihnen die Geschichte erzählen durfte.

Helga Wannmacher